Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen!

Professor DDDr. Gerhard Pfeifer war viele Jahre Direktor einer der größten MKG-Kliniken Mitteleuropas, der Nordwestdeutschen Kieferklinik in Hamburg (jetzt Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf). Sein Schwerpunkt lag in der Forschung und Behandlung von Lippen-Kiefer-Gaumenspalten, er hat auf diesem Gebiet über sein Wirken in Hamburg hinaus sowohl national als auch international richtungsweisende Akzente gesetzt. Nicht zuletzt war er auch oftmals als Gastoperateur in Salzburg tätig, wodurch sich eine intensive Zusammenarbeit und Freundschaft über viele Jahre entwickelt hat. Da sich sein Todestag 2013 zum 10. Mal jährt, möchten wir dieses Symposium auch ihm und seinem Wirken widmen.

Sie finden in der Folge einen 2003 im Journal der Dt. Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie erschienenen Nachruf auf Professor Gerhard Pfeifer, verfasst von seinem Nachfolger als Direktor der Klinik in Hamburg, Herrn Professor Rainer Schmelzle.

 

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Zum Tode von
Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Gerhard Pfeifer


von Rainer SCHMELZLE

aus: Journal der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie,
Nr. 28, Oktober 2003, Seiten 8 - 9

 

Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. Gerhard Pfeifer

Am 9. Februar 2003 ist Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. h.c. Gerhard PFEIFER im 82. Lebensjahr in Hamburg gestorben. Seine geliebte Familie, Freunde und Weggefährten nahmen am 21. Februar 2003 auf dem Eidelstedter Friedhof in Hamburg Abschied. Die sehr würdige Trauerfeier bleibt sicher allen in guter Erinnerung. Die Familie hatte darum gebeten, auf offizielle Reden zu verzichten. Als Einzige sprach die Pastorin, ein Blumenmeer umgab den Sarg.

Wir verlieren mit Gerhard PFEIFER einen Arzt und Lehrer, der die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, die plastische Chirurgie und die Wiederherstellungschirurgie national und international richtungsweisend beeinflußt hat. Sein Leben spiegelt sowohl die wechselvolle Geschichte seiner Zeit als auch jene seines chirurgischen Gebietes wider.

Am 15. Juli 1921 im Erzgebirge in Satzung nahe der tschechischen Grenze geboren, verbrachte er seine Schulzeit in Wolkenstein, Zschopau und Grimma bei Leipzig sowie in Chemnitz. Nach dem Abitur, schon 1940 zum Wehrdienst einberufen, muß er sehr unter den Erlebnissen des Krieges gelitten haben. Erzählte er doch noch im hohen Alter von seinen schrecklichen Erinnerungen. Nach kurzer Gefangenschaft studierte er trotz finanzieller Not ab 1946 in Heidelberg Medizin und Zahnmedizin. Dort lernte er seine geliebte Ehefrau Dr. med. Gisela PFEIFER kennen. Aus dieser Zeit stammen tiefe freundschaftliche Bindungen zu anderen Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgen wie Professor FRENKEL und Professor KRISTEN, die wie er später ihr Fach an Lehrstühlen vertreten haben. Nach der zahnärztlichen Approbation 1950 und der Bestallung als Arzt 1952 folgten erste Berufsjahre in Locarno. Sein klinischer und wissenschaftlicher Lehrer wurde 1954 Professor Karl SCHUCHARDT, der Leiter der Nordwestdeutschen Kieferklinik und Lehrstuhlinhaber am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf. Geprägt hat ihn dort schon im ersten Jahr seiner Assistententätigkeit der von SCHUCHARDT einberufene erste internationale Kongreß über Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten. PFEIFERs Arbeiten zu diesem Krankheitsbild machten ihn weltberühmt. Nach der Facharztanerkennung 1959 wurde PFEIFER bei SCHUCHARDT Oberarzt. Es folgte die Habilitation 1964 mit einer Arbeit „Über die Entstehung und Erkrankung regionaler Entwicklungs- und Wachstumsstörungen bei Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten als Grundlage der Therapie“. Dafür erhielt PFEIFER die höchste Auszeichnung der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, nämlich den nach WASMUND benannten Jahresbestpreis. 1967 wurde PFEIFER als Professor nach Tübingen berufen. Dort betraute ihn der Klinikdirektor, Professor FRÖHLICH, mit der Leitung der neu gegründeten Abteilung für Mund- und Kieferchirurgie. In kurzer Zeit gelang es, diese Einrichtung zu einer der bedeutendsten Fachabteilungen zu entwickeln. Die Klinik war schon zu Beginn voll belegt, das Spektrum umfaßte das gesamte Fachgebiet, und darüber hinaus wurden viele Krankheiten der plastischen Wiederherstellungschirurgie wie Verbrennungen behandelt. PFEIFER war in Württemberg hochgeschätzt. Tübingen verließ er, indem er, wie er selbst sagte, „ein Kleinod aufgab“. Noch im hohen Alter sprach er über Tübingen, wo er „die schönste Zeit seines beruflichen Lebens“ verbracht hatte. Der exzellente Ruf, den sich PFEIFER in Tübingen erwarb, dauert bis heute an. Sehr kollegial und herzlich war sein Verhältnis zu den Kollegen der Zahnklinik, aber auch zu denjenigen anderer Kliniken.

Trotz seiner Liebe zum Schwabenland und trotz seiner überragenden Erfolge dort folgte er 1970 dem Ruf auf den Hamburger Lehrstuhl, wo er SCHUCHARDT nachfolgte. In der Folgezeit erlebte er die tiefgreifenden Strukturveränderungen der Universität mit allen Erschwernissen für die klinische und wissenschaftliche Arbeit. Vielleicht war es der Übergang aus der Rektoratsverfassung in die Gremienuniversität – PFEIFER nannte sie Räte-Universität –, die ihn zu dem Satz verleitete: „Das Schönste an Hamburg ist der Zug nach Tübingen.“ PFEIFERs ausgeprägtes ärztliches Pflichtbewußtsein, sein Fleiß und seine hohen ethischen Grundsätze schufen aber bald die Grundlage für einen nach SCHUCHARDTs Zeit kaum erwarteten Aufschwung der am UKE angesiedelten Nordwestdeutschen Kieferklinik. Ausdruck seiner nationalen und internationalen Reputationen waren zahlreiche Ehrungen.

1980 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina in Halle/Saale, Ehrenmitglied war er bei der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie, der Griechischen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, der Japanischen Gesellschaft für kraniofaziale Anomalien und Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, der Österreichischen Gesellschaft für Kiefer- und Gesichtschirurgie und der Niederländischen Vereinigung für Mund- und Kieferchirurgie. 1979 erhielt er von der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde die Hermann-EULER-Medaille, 1985 von der Universität Budapest die Ignaz-SEMMELWEIS-Medaille, vom Bundesverband der Deutschen Fachärzte für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, 1991 die Kurt-HEMMERICH-Medaille, 1992 Ehrung durch das DIEFFENBACH-Relief, 1996 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Universität Halle-Wittenberg und von der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie im Jahre 2001 die Karl-SCHUCHARDT - Medaille.

Professor PFEIFER saß mehreren bedeutenden nationalen und internationalen Fachgesellschaften und Kongressen vor. Zu nennen sind besonders die 25. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie 1975, der 6. Kongreß der European Association for Maxillo-Facial-Surgery 1982, die 22. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie 1984, das 3. Internationale Symposium über Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten 1979 und das 4. Internationale Symposium über kraniofaziale Abnormalitäten und Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalten, welches, abgehalten im September 1987, sein Abschiedskongreß als Chef der Hamburger Klinik war. Seine Abschiedsvorlesung im Hörsaal des Anatomischen Instituts am UKE führte viele ehemalige Schülerinnen und Schüler, Mitarbeiterinnnen und Mitarbeiter und Kollegen aus dem In- und Ausland zusammen. Das fröhlich intonierte „Gaudeamus igitur“ bleibt in schöner Erinnerung. Nach der Emeritierung wurde im Pavillon der Nordwestdeutschen Kieferklinik eine Emeritage eingerichtet, dort, wo er als Assistenzarzt seine Karriere begonnen hatte. Unzählige Male nahm er dort als Emeritus am ehemaligen Schreibtisch Karl SCHUCHARDTs Platz und arbeitete Vorträge und Schriften aus.

Mit der Wiedervereinigung Deutschlands ging für PFEIFER ein Traum in Erfüllung. Viel hat er vor und nach der Wende für die Kollegen im Osten getan, viel hat er bewirkt, wenn es um Lehrstuhlfragen im Osten ging. Frei konnte er sich nun in seiner geliebten Region um Chemnitz bewegen, dort wo ihm seine Schüler und Freunde den wissenschaftlichen Kongreß anläßlich seines 80. Geburtstages organisierten. Zuvor wurde im Bereich seiner alten Arbeitsräume schon eine launige Geburtstagsfeier abgehalten. Trotz nachlassender Körperkräfte war PFEIFER bis zum Schluß geistig überragend. Seinen letzten öffentlichen akademischen Auftritt erlebten wir anläßlich der Antrittsvorlesung des jüngsten Habilitanden der Nordwestdeutschen Kieferklinik am 15. November 2002.

Am 9. Oktober 2003 wird die Deutsche Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie des Verstorbenen in hervorgehobener Form gedenken. Anläßlich der 41. Jahrestagung dieser Vereinigung aller chirurgischen Fächer wird eine „Gerhard-PFEIFER-Vorlesung“ in Leipzig stattfinden. Die Deutsche Gesellschaft für Plastische und Wiederherstellungschirurgie als einzige Vereinigung aller plastisch rekonstruktiv tätigen Ärzte, hat Professor PFEIFER viel zu verdanken. Er hat wie kaum einer bis ins hohe Alter aktiv den Werdegang der Gesellschaft begleitet und positiv beeinflußt.